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Zoofachgeschäften, Supermärkten und Drogerien werden so genannte
"Snacks" für Kaninchen und Meerschweinchen angeboten, die
bunt und appetitlich aufgemacht und in farbenfrohen Verpackungen
konfektioniert sind. Damit wird dem interessierten Kunden suggeriert,
dass
er seinem Heimtier etwas Besonderes und auch etwas besonders Gesundes
zukommen lassen kann. Tatsächlich ist jedoch zu hinterfragen, inwieweit
es sich bei diesen Snacks um der Gesundheit dieser Tierarten zuträgliche
Futtermittel handelt. Bei genauerer Betrachtung der Inhaltsstoffe
bestehen diese Snacks zu einem großen Teil aus Komponenten, die weder
zum natürlichen noch artgerechten Futtermittelspektrum dieser Tierarten
zählen und die bei längerfristiger Gabe eine die Darmfunktion sehr
negativ beeinträchtigende Wirkung ausüben können. |
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Durchfallprobleme sowie andere
Gastrointestinalstörungen bei Kaninchen und Nagetieren aus der
Heimtierhaltung sind Symptomenkomplexe, die in der Kleintiersprechstunde
häufig angesprochen werden. Es empfiehlt sich, in erster Linie zunächst
das Fütterungsregime zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Bei der Nachfrage an den Tierhalter fällt immer wieder auf, daß gerade
Kinder allzu gerne Snacks - wie sie sie selber lieben - auch an Ihre
Lieblinge weitergeben möchten. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, hat
die Futtermittelindustrie eine breite Palette solcher "Snacks"
für Kaninchen und Nagetiere entwickelt und auf den Markt gebracht.
Unter Berücksichtigung anatomischer und ernährungs- physiologischer
Aspekte sind derartige "Leckereien" für Kaninchen und
Nagetiere als nicht artgerechte Futtermittel zu bewerten. |
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1. Anatomische und physiologische
Besonderheiten des Verdauungskanals |
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| Alle Zähne des Kaninchens und des Meerschweinchens sind wurzeloffene Zähne,
d.h. sie wachsen lebenslang, Unterkieferzähne schneller als Oberkieferzähne.
Die Schneidezähne weisen nur auf der Vorderseite einenharten
Schmelzbelag auf, woraus die meißelähnliche Form sowie die Schärfe
der Schneidezähne resultieren. Eine regelmäßige Abnutzung der Zähne
durch das Vermahlen grobstrukturierter Rohfaser steht
physiologischerweise im Gleichgewicht zu einem dauerhaften Zahnwachstum.
Wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, kommt es zu unzureichender
Zahnabnutzung und infolgedessen zu Zahnüberlängen. Eine ausreichende
Zahnabnutzung ist nur gewährleistet, wenn eine sehr rohfaserreiche Fütterung
geboten wird, die ein intensives Mahlen der Backenzähne notwendig
macht, d.h. Heu oder Gras ist Grundfutter und sollte durch
abwechslungsreiches Frischfutter (Blätter, Kräuter, Gemüse, Obst) und
gelegentlich trockenes Brot ergänzt werden. |
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| Der Magen des Kaninchens bzw. des Meerschweinchens ist einhöhlig und
weist eine sehr dünne Magenwand auf. Dies beruht auf der sehr schwach
ausgebildeten Tunica muscularis mucosae, weshalb eine retrograde
Entleerung und somit ein Erbrechen nicht möglich ist. Das einmal
aufgenommene Futter muß den Verdauungskanal passieren. Kaninchen und
Meerschweinchen fressen häufig und in kleinen Mengen - bis ca. 80 mal
am Tag. Der Weitertransport des Mageninhalts ist nur durch erneute
Futteraufnahme und Nachschub möglich. |
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| Bei zu großen Fütterungsabständen können sich die Tiere überfressen.
Bei Gabe von Pelletfutter besteht beispielsweise die Gefahr, daß im
Falle zu großer Fütterungsintervalle die Tiere nach der Pelletaufnahme
relativ viel Wasser trinken, so daß der Magen überladen wird. Die
Folge kann eine Ruptur der Magenwand mit nachfolgender Peritonitis und
weiteren Komplikationen sein. Das einmal aufgenommene Futter muß den
Darmkanal passieren und kann nicht zum Zwecke der Erleichterung
erbrochen werden. |
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Der Blinddarm ist bei Kaninchen und Meerschweinchen eine relativ große
Gärkammer. Die Darmflora besteht überwiegend aus Anaerobiern und
grampositiven Bakterien (Kokken, Lak-tobazillen), wohingegen E. coli
und Cl. perfringens nur passager vorkommen. Eine hohe Anzahl der
zuletzt genannten Keime ist immer als Dysbakteriose zu werten und meist
durch Fütterungsfehler bedingt. Die spezielle Bakterienflora (vor allem
Laktobazillen) ist in der Lage, Zellulose aufzuspalten, wodurch freie
Fettsäuren entstehen, die resorbiert werden können und dem Kaninchen
bzw. Meerschweinchen als Energie zur Verfügung stehen Damit diese
physiologische Darmflora funktioniert, bedarf es eines deutlich
basischen Darm-ph-Wertes. Bei der Fütterung rohfaserreicher
Futter-mittel ist dies gewährleistet, bei der Verfütterung von zucker-
und stärkereichen Futtermitteln sinkt der ph-Wert von zwischen 8 und 9
auf zwischen 5 und 6 ab. Die Folge ist ein Absterben der physiologischen
Darmflora und ein Überwuchern mit unerwünschten Keimen wie E. coli,
die normalerweise nur in geringen Keimzahlen den Darm passagieren.
Außerdem wird in diesem Darmabschnitt ein sogenannter Blinddarmkot, die
Caecotrophe, gebildet. Dabei handelt es sich um schleimüberzogene,
trauben- bis wurstförmige, glänzende Gebilde. Dieser spezielle
Weichkot, dessen Anteil am Gesamtkot bei über 30 % liegt, passiert die
weiteren Abschnitte des Dickdarms weitgehend unverändert, wird von den
Tieren direkt vom Enddarm abgenommen und unzerkaut geschluckt, was meist
als "Putzbewegung" zu beobachten ist. Blinddarmkot besteht aus
Bakterien, Mukoproteinen und Vitaminen, verweilt bis zu 6 Stunden im
Magen und bleibt durch die Schleimhülle lange erhalten. Die in der
Caecotrophe enthaltenen Bakterien sind durch ihre bakteriellen Enzyme so
lange wirksam, bis sie durch die Salzsäure des Magens inaktiviert
werden. Anschließend erfolgt im Magen und Dünndarm eine Auflösung der
Schleimhülle mit nachfolgender Verdauung. Auf diese Weise sind diese
Tierarten in der Lage, aus zellulosereichen Futtermitteln - die
keinerlei sonstige Inhaltstoffe wie Proteine, Fette, Kohlenhydrate oder
Vitamine beinhalten müssen - alle für sie essentiellen Nährstoffe
selbst zu synthe-tisieren. Das Meerschweinchen ist lediglich auf die
Zufuhr von Vitamin C angewiesen, welches reichlich vorhanden ist in
frischem Obst wie z.B. Erdbeeren, Paprika, Tomaten.
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| 2.
Futterspektrum unter natürlichen Lebensbedingungen |
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In freier Natur fressen Kaninchen Gräser, Kräuter und Blätter von Gemüsepflanzen
und nehmen Wasser überwiegend in Form von Tautropfen in ihrer dämmerungsaktiven
Zeit auf, in der sowohl am Morgen als auch am Abend die Pflanzen jeweils
vom Tau angefeuchtet sind.
Nicht zum Nahrungsspektrum von Kaninchen in freier Wildbahn gehören
hingegen Körner von Weizen, Roggen, Hafer oder Gerste, da diese Körner
nur für eine kurze Periode verfügbar und dann in einer Höhe von ca. 1
Meter für die Kaninchen ohnehin gar nicht erreichbar sind. Nur wenn vom
Wind verwehte Körner auf den Boden fallen, könnten Kaninchen überhaupt
an dieses sehr stärkereiche, aber zellulosearme Futtermittel
herankommen - dann allerdings zu einer Jahreszeit, in der dieses
energiereiche Futter gar keinen Sinn machen würde, da erst kurz vor dem
Winter eine entsprechende Energiereserve erforderlich ist. |
| Ansonsten fressen Kaninchen in freier Natur keine Körner. |
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| Die Stammform unseres Hausmeerschweinchens ist das
Gebirgsmeerschweinchen - Cavia aperea cutleri. Diese Tierart
besiedelt grasreiche Hochebenen und Buschsteppen der Anden bis zu Höhenlagen
von 4200 m. Das Gras der Anden ist sehr reich an Vitamin C, so daß
diese ökologische Nische ideal ist für das Nahrungsangebot an das
Meerschweinchen. |
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| 3. Woraus
bestehen "Snacks" für Kaninchen und Nagetiere? |
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Snacks für Kaninchen und Meerschweinchen beinhalten gemäß der
Packungsdeklarationen: |
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| "Zucker" |
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"Mehl" |
| "Maiskleie" |
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"Hartbiscuit" |
| "Zuckerrohrmelasse" |
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"Bäckereinebenerzeugnisse" |
| "ausgesuchte Getreidearten" |
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"wertvolle aufgepoppte Getreidesorten" |
| "Saaten" |
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"gehackte Nüsse" |
| "Honig" |
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"pflanzliche Nebenerzeugnisse" |
| "tierisches Eiweiß" |
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"tierische Nebenerzeugnisse" |
| "frische Eier" |
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"Milch- und Molkereierzeugnisse" |
| "Joghurtpulver" |
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| 4. Fazit: |
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| Weizen- und Haferkörner sind auf den Weltmärkten billige Futtermittel,
die ansehnlich bearbeitet und attraktiv verpackt als Futter für
Kaninchen und Meerschweinchen von der Futtermittelindustrie angeboten
werden. Ob in Fertigpackungen oder nach Art großer Bonbonieren, aus
denen sich der Verbraucher die Einzelkomponenten selbst zusammenstellen
kann, ist es ein leicht zu handhabendes Futtermittel, das wenig Schmutz
bei der Fütterung hinterläßt und von Kaninchen und Meerschweinchen
leicht akzeptiert wird. Beide Tierarten sind mit sehr effizienten
Kompensationsmechanismen ausgerüstet, mit denen zellulosehaltige
Partikel aus dem Dickdarm retrograd ins Caecum zurücktransportiert
werden können. Auf diese Weise kann diese viel zu energiereiche Stärkefütterung
zunächst - äußerlich betrachtet - unbeschadet ausgeglichen werden.
Die Folgen werden jedoch mit der Zeit offensichtlich: |
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| >>übergewichtige Tiere, die mit der Zeit bewegungsunlustig werden |
| >>Tiere mit chronischen Durchfällen, die mit kotverschmiertem Fell im Anogenitalbereich gekennzeichnet sind |
| >>Fliegenbefall in der Sommerzeit mit Ablage von Fliegeneiern in die
Haut der Tiere |
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>>Trommelsucht
der Kaninchen und Meerschweinchen als Folge von Fehlgärungen im
Blinddarm: die Stärke wird zu
....
Zucker abgebaut und dieser wird durch
Hefen vergoren. In der Folge bilden sich Gase, die nicht entweichen können,
....so dass der Darm aufbläht und die Tiere hochgradige Bauchschmerzen
erleiden |
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>>bei der Futteraufnahme werden Körner mit den Zähnen zerquetscht und
das Futter wird nicht lange genug mit den
....Backenzähnen gemahlen, so daß
der Zahnabrieb ungenügend ist und überlange Zähne entstehen. Folge:
....die Tiere entwickeln in die Zunge oder die Backenschleimhaut einspießende
und einwachsende Zähne,
....die die Nahrungsaufnahme herabsetzen, was vom
Tierhalter häufig nicht unmittelbar bemerkt wird und die
....nur von einemTierarzt ..festgestellt und beseitigt werden können. |
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| Die Tatsache, daß der zoologische
Fachhandel seit Jahrzehnten das Körnerfutter für Kaninchen und
Meerschweinchen mit großem Erfolg verkauft, liegt folglich: |
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| >>am billigen Rohstoff und seiner einfachen Verarbeitung |
| >>an der großen Futtermittelakzeptanz auf Seiten der Tiere |
| >>an der Tatsache, daß die Folgeerscheinungen nicht unmittelbar
zeitlich auf das Futter zurückgeführt werden können |
| >>an der leichten Handhabbarkeit der Futtermittel. |
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| Grundsätzlich liegen die Argumente für das Körnerfutter auf Seiten
des Tierhalters und nicht auf Seiten der Tiere. Diese Tatsache legt den
Schluss nahe, daß für die Futtermittelindustrie geprüfte
Kaufargumente von Kleintierbesitzern als potentielle Kunden im
Vordergrund stehen und den tatsächlichen Bedürfnissen und Ernährungsgewohnheiten
der "Endverbraucher", nämlich der Kaninchen und
Meerschweinchen, nur sekundäre Bedeutung zukommt. Nur so erklärt sich
auch ein Angebot von völlig naturfremden Futtermitteln wie Milch- und
Joghurtdrops für Kaninchen und Meerschweinchen, die in der Regel sehr
reichhaltig an all jenen Inhaltsstoffen sind, die diese Tierarten überhaupt
nicht benötigen. Die hohe Kaufakzeptanz für diese Snacks liegt in dem
Irrglauben des Tierhalters, daß Milch-, Joghurt- und Schokoladendrops für
das Haustier ein ähnlich kulinarisches Vergnügen darstellen wie
analoge Lebensmittel für ihn. Er genießt die vermeintliche Gewissheit,
mit seiner ausgeprägten Tierliebe seinem Liebling etwas Gutes getan zu
haben. |
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| Erst in den letzten
Jahren haben engagierte Tierärzte sowie Tierernährungsspezialisten auf
diese Mißstände hingewiesen. Seit einiger Zeit werben deshalb
innovative Futtermittelfirmen mit getreidefreiem Futter und vertreiben
Futtermittel, die auf den Bedarf dieser Tierarten ausgerichtet sind. In
Kombination mit einer fachlich kompetenten Fütterungsberatung ist es
deshalb durchaus überlegenswert, solche Futtermittel auch über die
Praxis zu vertreiben, da das Angebot an bedarfsgerechtem Futter für
Kaninchen und Meerschweinchen in den Zoofachmärkten noch wenig
vertreten ist.
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Anschrift: |
Priv. Doz. Dr. med. vet. Birgit Drescher
Bientzlestr. 14
70599 Stuttgart - Birkach |
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Tel.: 0711 45 51 07
Fax: 0711 45 51 88
Email: Birgit.Drescher@t-online.de |
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