Jessy

Jessy (Hamsterbacke)

2001 - 20.1.2006, eine wahre Geschichte

Von Gaby Gotschke (Aus den Meerschweinchen Nachrichten des MFIÖ, 3/2004)

Hallo Ihr Meerschweinchenfreunde, mein Name ist Jessy, von Frauchen auch hin und wieder liebevoll "Hamsterbacke" genannt. Ich möchte Euch heute meine Geschichte erzählen, eine Geschichte die wahr ist, die Frauchen unheimlich wütend gemacht hat und für mich aber dann doch ein Happy End ergab.

Es war im Juli diesen Jahres, ein Tag wie jeder andere seit langem, ich saß in meinem leeren Käfig und starrte gegen die Gitterstäbe. Ich hatte Schmerzen, so unerträgliche Schmerzen, dass ich kaum mehr essen konnte. Ich hatte schon so viel abgenommen und ich musste meine ganze Kraft zusammennehmen um wenigstens ein bisschen etwas zu mir zu nehmen, denn ich wollte doch leben, ich wusste, dass ich sterben würde, wenn ich nicht essen kann - genauso wie meine Schwester damals

Ich war mittlerweile 3 Jahre alt und erinnerte mich an frühere Tage.Geboren wurde ich bei einer sehr netten Meeri-Hobbyzüchterin in Wien. Die ersten paar Wochen verbrachte ich mit vielen Brüdern und Schwestern bis eines Tages eine Dame kam, die mich und eine meiner Schwestern mitnahm. Wir sollten ein Geschenk für das Enkelkind sein.

Jessy

Wir wurden dort in einen Käfig gesetzt und ein Haus wurde uns zum Bewohnen dazugestellt. Ein bisschen Heu, Wasser, Trockenfutter und sonst nichts – unser neues Heim war klein, wir fühlten uns gar nicht wohl, aber Gott sei Dank verstanden sich meine Schwester und ich so gut, dass wir eng zusammengekuschelt schliefen. Unsere Tage bestanden darin, von den beiden kleinen Kindern durch das Haus geschleppt zu werden, in den paar freien Minuten versuchten wir zu fressen was möglich war, denn der un aufgezwungene Tagesrhythmus entsprach so gar nicht unseren Bedürfnissen. Meine Schwester war immer ein bisschen kleiner als ich und als wir dann so ca. 1 Jahr waren wurde sie plötzlich krank. Sie fühlte sich furchtbar, sie konnte kaum mehr essen ich versuchte bei den Leuten Alarm zu schlagen, ihnen zu zeigen, dass meine Schwester Hilfe brauchte, aber es nützte nichts, niemand ging mit ihr zum Tierarzt, niemand kümmerte sich um sie.

Sie wurde immer schwächer, ich versuchte sie zum essen zu animieren schleppte ihr die Heustängelchen und das Futter herbei, sie konnte nicht und nach ein paar Tagen starb sie völlig ausgehungert. Ich war verzweifelt, ich hatte Angst und verkroch mich deshalb den ganzen Tag ins Häuschen nur damit mich niemand sah oder mich berührte. Die Dame, die mich damals gekauft hatte, war darüber gar nicht begeistert und sie nahm mir eines Tages das Häuschen weg, einfach so, nur um mich zu bestrafen, damit ich mich nicht mehr verstecken konnte. So verging ein Jahr als mich eines Tages die Dame mit dem Käfig in die Höhe nahm und mich wegtrug. Ich merkte, dass wir irgendwo hinunter gingen und dass es dunkel wurde. Ich verstand nicht, was hier passierte und fing voller Angst und Panik zu schreien an.

Es nützte nichts, ich wurde an diesem neuen Platz, welchen sie Keller nannten auf einen Tisch gestellt und man ging wieder. So verbrachte ich ein Jahr an diesem dunklen Ort, der Lichtschein, der durch die Kellerfenster gelangte war nicht sehr stark aber ich gewöhnte mich an die Finsternis. Die Kinder kamen nicht mehr so oft und das war mir gar nicht so unrecht, ich war durch all das Erlebte völlig verstört und saß eigentlich nur in einer Ecke. Ich saß also so da und sinnierte vor mich hin, dachte an mein bisheriges Leben als ich plötzlich Stimmen hörte und die Dame und ihre Tochter in den Keller kamen. Man nahm mich aus dem Käfig, setzte mich in eine Schachtel und trug mich die Stufen hinauf.

Durch die großen Schmerzen und das wenige Essen konnte ich Aufregung nicht so gut vertragen und mir wurde ganz schwummrig zumute. Nur nicht schlapp machen dachte ich mir, aber ich konnte nicht verstehen, was hier mit mir passierte.

Jessy

Meine Nerven spielten verrückt und ich zitterte am ganzen Körper, ich fühlte mich elend. Ich saß also da in meiner Schachtel und wartete. Es dauerte einige Zeit, als ich plötzlich eine Frauenstimme vernahm, ich hatte diese noch nie gehört. Schritte kamen näher, der Deckel der Schachtel wurde geöffnet und ich sah in ein erstauntes Gesicht.

Zwei Hände griffen nach mir, es war aber anders als sonst, nicht grob und schnell, sondern ganz langsam und vorsichtig wurde ich in die Höhe gehoben. Ich spürte wie diese Frau zögerte und ich sah wie sich tiefe Falten zwischen ihren Augen bildeten. Ich war verunsichert, ich hatte doch gar nichts getan, war sie jetzt böse auf mich? Sie hob mich zu ihrem Gesicht und flüsterte mir ein "na Du bist aber ganz schön mager" in meine Ohren. Ich war überrascht, sie hatte das gemerkt, sie hatte gemerkt, dass mir die Rippen überall herausstanden und ich viel zu dünn war. Vorsichtig beschnüffelte ich Ihre Finger, sie rochen gut, ich konnte mich an diesen Geruch erinnern, von früher, was war das doch bloß - und dann fiel es mir schlagartig wieder ein, es roch nach meinen Artgenossen.

Ich war aufgeregt, was würde mit mir passieren, ich zitterte vor mich hin und plötzlich hatte ich Hoffnung, vielleicht nahm sie mich mit, vielleicht. Ich versuchte nicht zu sehr daran zu denken, was wenn es nur ein Wunschtraum war. Dann ging alles ganz schnell, die Frau trug mich ein paar Schritte und ich wurde dann ganz sanft in eine Kiste gesetzt die einen ganz weichen Boden hatte und toll nach Heu duftete. Tja, Kiste war es dann natürlich nicht, das habe ich sehr bald herausbekommen, es war ein so genannter Transporter, den ich dann leider öfter sah, als mir lieb war, aber dazu später.

Die Dame verabschiedete sich und trug mich ein Stück bis sie plötzlich mit mir zu reden begann. Ich hätte mir so sehr gewunschen, dass ich ihr antworten könnte, dass ich ihr von meinen Schmerzen erzählen könnte, aber es gelang mir nicht. Kurzfristig war es ruhig, doch dann merkte ich, dass wir uns bewegten, es war das selbe Gefühl wie damals, als ich von meinem ersten zu Hause abgeholt wurde. Nach einer kurzen Zeit war es wieder ruhig und ich wurde in meinem Transporter getragen, ein paar weitere seltsame Geräusche die mich verunsicherten entlockten mir ein leises "chrrrrr" bis plötzlich der Deckel gehoben wurde. Ich war völlig überrascht, ich hörte viele Stimmen von Artgenossen, alle hießen mich willkommen und freuten sich über meine Ankunft. Aus all diesen Stimmen hörte ich plötzlich ein sonores „brrrrrrrr“ ich drehte verwundert den Kopf um besser feststellen zu können, woher das kam, da wurde ich auch schon aus einem Transporter gehoben.

Henry, Flummi und Jessy

Zwei Schritte und plötzlich stand ER mir gegenüber. Groß, gut aussehend, kultiviert und ein Timbre in der Stimme, dass mir ganz mulmig wurde. Die Türe von seinem zu Hause wurde geöffnet und ich wurde ihm vorgestellt. Sein Name war Henry, er sah toll aus, rot-weiß gefleckt, mit Rosetten so wie ich, aber auf seinem gut gebauten Hinterteil mit etwas längeren Haaren.Ich überschritt die Türschwelle und wurde sofort überschwenglich begrüßt.

Wir verstanden uns auf Anhieb wunderbar und ich erfuhr von ihm auch, wie sie alle die Dame nannten, die mich mitgenommen hatte, es war „Frauchen“. Mir wurde erzählt, dass es auch ein "Herrchen" gab, der war meistens für die Reinigung unserer zu Hause zuständig und versorgte uns Samstags immer mit Löwenzahn, egal ob Sommer oder Winter.

Mit all diesen Aufregungen hatte ich fast meine Schmerzen vergessen, die mir aber plötzlich wieder ins Gebein fuhren. Henry merkte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte und ich erzählte ihm mein Problem, die Schmerzen kamen von meiner linken Wange. Er kam näher und schnupperte mich vorsichtig ab, dann meinte er mir bestürztem Gesichtsausdruck „Dein Gesicht ist ja auf der einen Seite viel dicker“. Ja, das war es, ich hatte es fast geahnt aber war mir nicht sicher gewesen.

Was soll ich jetzt machen, fragte ich ziemlich matt, der Tag hatte mich doch sehr mitgenommen und ich hatte Hunger. Henry erklärte mir, dass es gleich Abendessen geben würde und er war sich sicher, Frauchen würde es merken. Heute stand Karotte am Speiseplan, ein Essen, das ich normalerweise wirklich gerne mochte, doch ich konnte nicht abbeißen. Frauchen merkte nichts, sie war irgendwie mit den Gedanken woanders und ging dann auch relativ bald ins Bett.

Ich versuchte voller Verzweiflung ein paar Pellets zu fressen, was mir auch so recht und schlecht gelang. Den Paprika am nächsten Tag in der Früh konnte ich genauso nicht beißen und ich spürte die Verzweiflung in mir hochsteigen. Henry beruhigte mich und war fest davon überzeugt, dass Frauchen es bemerken musste, sie hatte doch sonst so ein Auge dafür.

Henry und Jessy

An Abend als Frauchen nach Hause kam sah ich ihr Entsetzen in den Augen. Sie nahm mich behutsam aus unserem zu Hause und setzte sich mit mir zu einem Tisch. Langsam tastete sich mich von hinten nach vorne ab (das kitzelte teilweise wie verrückt) und dann hörte ich sie nur leise sagen Sch….! Sie hatte meine Schwellung an der Wange entdeckt. Vorsichtig versuchte sie durch meine Backenbehaarung hindurch das Ausmaß zu eruieren und teilte mir dann völlig aufgelöst mit: "Mensch Jessy, Du hast ein Abszess!"

Frauchen war außer sich, sie schimpfte, dass sich die Balken bogen, es war ihr klar, dass ich das schon länger hatte und dass das auch der Grund für mein mageres Aussehen war. Ab sofort bekam ich Sonderbehandlung, geraspeltes Gemüse, welches ich besser beißen konnte und Critical Care als Zusatz, damit ich bei Kräften blieb. Der Arztbesuch am nächsten Tag war schlimm, man teilte Frauchen mit, dass wir noch ein bisschen warten mussten bis das Abszess reif war. Sie verstand das nicht, für sie hatte ich Schmerzen und die mussten beseitigt werden, ich bekam zusätzlich noch ein Schmerzmittel um das halbwegs erträglich zu überstehen.

Frauchen hatte von einer Spezialbehandlung von Abszessen nach Dr. Schweigart aus Deutschland erfahren und versuchte dieses Mittel zu bekommen. Sie telefonierte rund um die Uhr, besorgte Artikel über dieses Mittel, telefonierte mit Dr. Schweigart und bekam auch eine Anleitung wie das zu handhaben ist.

Irgendwann war dann der Punkt gekommen, wo ich nicht mehr konnte, das Abszess war noch immer nicht offen und meine Backe mittlerweile genauso groß wie mein Kopf. Ich war trotz Medikamente und Zusatzfütterung völlig geschwächt und war knapp daran aufzugeben. Frauchen konnte nicht mehr zusehen, sie wollte den OP Termin und brachte mich selber zum Arzt. Sie flüsterte mir zum Abschied noch zu, dass ich durchhalten sollte und ich spürte, dass sie sich große Sorgen um mich machte.

Ich tat mein bestes aber während der OP gab es Probleme mit meiner Atmung und wenn ich nicht Sauerstoff bekommen hätte, könnte ich Euch heute diese Geschichte nicht mehr erzählen. Als ich aufwachte, war meine Backe immer noch dick und ich verstand die Welt nicht mehr. Irgendwie bekam ich dann mit, dass man mir etwas eingefüllt hatte, was sich von selber wieder auflösen würde, ein Antibiotikum, was von innen wirkt.

Als Frauchen mich wieder abholte hatte ich eine Intensivbehandlung hinter mir und fühlte mich wie neugeboren. Zu Hause angekommen versuchte ich vorsichtig abzubeißen und es gelang mir ohne Probleme. Ich hatte zwar noch ein bisschen Schmerzen, aber das war nichts gegen früher.

Jessy

Mittlerweile bin ich fast ganz gesund, ein kleines Problemchen besteht zwar noch, aber das will Frauchen eventuell mit homöopathischen Mitteln wegbekommen. Um meine Hüften habe ich wieder "Kuschelspeck" angesammelt und Henry findet das unwiderstehlich. Eine Familienvergrößerung hat es auch gegeben, im September bekamen wir Zuwachs, Flummy zog zu uns und raubt mir den letzten Nerv. Dieses freche Schweinekind ist nicht zu bändigen und ich wundere mich immer wieder wie sie mit Schwung in die Schaukel hüpft, dort ein Nickerchen macht um kurze Zeit später mit einem "Affenzahn" wieder durch unser zu Hause zu düsen.

Einen besonderen Dank möchte ich Frauchens schnurrender Samtpfote aussprechen, sie hat mir bei den Zusatzfütterungen immer Gesellschaft geleistet und mich mit leisen Grunzgeräuschen von meinen Schmerzen abgelenkt. Sogar als Frauchen mir mit einzelnen Grashalmen eine Freude machen wollte, hat sie sich selbstlos dazu hergegeben mir zu zeigen, wie man diese Dinger ohne mit der Wimper zu zucken vernichtet (wenn die wüsste).

Alles Liebe, Eure Jessy

Tja, diese Geschichte ist wahr und das "Tüpfelchen am i" war dann noch, dass mich die Dame angerufen hat, fragte ob sich Jessy "eh gut eingelebt hätte" und als ich ihr die Sache mit dem Abszess erzählt habe, meinte sie sofort, sie holt Jessy ab und sie hätte da wem der sie ganz schnell töten würde. Ich habe das Gespräch rasch beendet und nur kurz darauf hingewiesen, dass Jessy jetzt mir gehört und ich nicht im Traum daran denke ihrem Ansinnen nachzugeben.

Jessy lebte vom Juli 2004 bis zum 20.1.2006 mit tw. wiederkehrenden Abszessen bei mir. Sie hatte in der Zeit ein gutes Leben, ohne Schmerzen oder größerer Beeinträchtigung, als das Eiter dann die Lymphdrüsen befiel mußten wir sie über die Regenbogenbrücke gehen lassen. Sie war ein sehr tapferes und ausgesprochen gescheites Schweinchen, welches ich sehr vermisse.

Eure Gaby Gotschke

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23.11.2013

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