| |
|
Kieferabszesse
sind ein häufiger Vorstellungsgrund von Nagetieren und Kaninchen in der
tierärztlichen Praxis. Leider ist die Therapie dieser Erkrankung
bislang in vielen Fällen recht aufwändig und wenig erfolgreich. Durch
einige neue Therapiemöglichkeiten ist allerdings in den letzten Jahren
die Erfolgsquote deutlich angestiegen. |
| |
| Abszesse
im Kieferbereich entstehen meistens als Komplikationen von
Zahnfehlstellungen, insbesondere der Backenzähne. Kaninchen und
Meerschweinchen sind am häufigsten von dieser Erkrankung betroffen, während
Chinchillas eher selten zu eitrigen Entzündungen neigen. |
| |
|
Pathogenese
Durch
eine Fehlstellung der Zähne die aus verschiedenen Gründen auftreten
kann (Verletzungen, falsche Ernährung, genetische Defekte etc.) und der
damit verbundenen unphysiologischen Kaubewegung lockern sich die Zähne
im Kieferknochen. Kleine Hohlräume entstehen, die bereits in diesem
Stadium besonders im Unterkieferbereich gut röntgenologisch nachweisbar
sind. Entlang des gelockerten Zahnes dringen Keime und Nahrungsbrei in
die entstandene Hohlräume ein; eine Entzündung entsteht. Im Verlauf
dieser Entzündung kommt es zur weiteren Lockerung des Zahnes. Der
Kieferknochen degeneriert; Exostosen bilden sich und eine massive
Eiterproduktion setzt ein.
|
| |
|
Die
Therapie eines solchen von Zahn und Kieferknochen ausgehenden Abszesses
ist nicht zuletzt auf Grund der massiven Veränderungen, mit denen die
Tiere oftmals erst in der Praxis vorgestellt werden, schwierig.
Weiterhin kommt erschwerend hinzu, dass meist nicht nur ein einzelner
Zahn, sondern nahezu der gesamte Kieferast von der Entzündung betroffen
ist.
Fällt
der Zahn im Zuge der Abszessbildung aus oder wird er extrahiert, bleibt
in vielen Fällen ein schlecht heilendes Loch zurück. Durch diesen
Kanal dringt weiterhin Futterbrei in die Abszesshöhle ein, so dass die
Entzündung fortschreitet.
|
| |
|
Herkömmliche
Therapie
Die
Therapie von Kieferabszessen bei Nagetieren und Kaninchen besteht
bislang hauptsächlich darin, die Abszesshöhle möglichst vollständig
zu entleeren, mit antiseptischen Lösungen zu spülen und täglich
antibiotikahaltige oder antiseptische Salben einzubringen. Bzw.
antiseptische Tamponade einzulegen. Ferner wird ein Antibiotikum
systemisch verabreicht, wobei sich beim Kaninchen insbesondere das
Clindamiycin (2x tgl. 7,5mg/kg) bewährt hat. Da dieser Wirkstoff aber
bei Meerschweinchen und Chinchillas auf Grund der empfindlichen
Darmflora und den somit resultierenden schweren gastrointestinalen
Nebenwirkungen nicht eingesetzt werden kann, sind die Ergebnisse der
Therapie bei diesen Tierarten vielfach noch unbefriedigender als beim
Kaninchen.
|
| |
| Eine
Abszesstherapie muss sich in der Regel über mehrere Wochen erstrecken,
die Rezidivneigung ist auch nach einmal erfolgter Abheilung durch
erneutes Eindringen von Keimen aus der Maulhöhle groß. |
| |
| Da
Kieferabszesse meist eine beträchtliche Größe erreicht haben, bis das
Tier in der Praxis vorgestellt wird, kommt eine vollständige
chirurgische Entfernung nur in den seltensten Fällen in Frage. Auch die
geringen Größenverhältnisse am Nager-Schädel verbieten die radikale
chirurgische Exzision ebenso wie die erheblichen Verluste an
Knochensubstanz. Wünschenswert wäre auch der Verschluss der Abszessöffnung
in der Maulhöhle, um ein weiteres Eindringen von Keimen und Futterbrei
zu verhindern. Leider scheitert dies meistens daran, dass nicht genügend
Gewebe für eine Naht zur Verfügung steht. |
| |
| Eine
vor einigen Jahren mit besserem Erfolg eingeführte Therapieform ist die
Füllung der gereinigten Abszesshöhle mit Calciumhydroxidpaste. Ein
Vorteil dieses Verfahrens gegenüber der herkömmlichen Therapie ist die
nur einmalige Instillation des Medikamentes am narkotisierten Tier, während
die tägliche Spülung und Füllung der Abszesshöhle mit Salben am
nicht sedierten Tier immer mit Schmerzen und Stress verbunden ist. |
| |
| Die
Nachteile bestehen darin, dass in einigen Fällen eine Reizung des
umliegenden Gewebes auftreten kann und dass ein weiterer Eingriff zur
Entfernung des eingebrachten Materials nach ca. einer Woche notwendig
ist. Nach der Entfernung bleibt eine große offene Wundhöhle
zurück, die von vielen Tierbesitzern schlecht akzeptiert wird.
Gleiches gilt natürlich auch für die tägliche Spülung des offenen
Abszesses bei der herkömmlichen Therapie. |
| |
|
Eigene
Erfahrungen
Eine
neue Therapiemöglichkeit, welche die Vorteile beider Verfahren
vereinigt, habe ich in den letzten Monaten in meiner Praxis an ca. 20
Meerschweinchen und Kaninchen mit sehr gutem Erfolg entwickelt. Hierbei
wir die Abszesshöhle zunächst wie üblich eröffnet und gründlich
entleert. Durch mehrmaliges Spülen mit physiologischer Kochsalzlösung
werden die Reste des meist zähen Eiters entfernt. Anschließend wird
die Abszesshöhle je nach Größe mit einem Polymer (1 bis 2 Einheiten
Doxirobe*) gefüllt und
manuell komprimiert, um das Mittel in alle Taschen der Abszesshöhle zu
bringen. Bei diesem Präparat handelt es sich um ein doxicyclinhaltiges
Material , das ursprünglich zur Füllung von Periodontaltaschen bei
Hunden und Katzen entwickelt wurde. Bei Kontakt mit Wasser härtet es
aus und nimmt eine holzartige Konsistenz an. Das eingebrachte Medikament
wird im Verlauf von ca. 6 Wochen vollständig vom Organismus abgebaut
und gibt während dieser zeit Doxicyclin ab. Vor der Anwendung wird das
Präparat nach Vorschrift gemischt. Das das Polymer manche Kunststoffe
angreift, sollte bei Verwendung entsprechender Tischoberflächen bzw.
–auflagen bei der Behandlung eine Folie oder Papier als Unterlage
benutzt werden.
|
| |
| Bei
den ersten mit diesem Präparat behandelten
Patienten wurde die Abszesshöhle nach dem Einfüllen des Polymer
offen gelassen und zusätzlich eine systemische antibiotische
Therapie durchgeführt. Da im Therapieverlauf nur sehr geringe
Mengen eines blutig-serösen Sekretes austraten, verschloss sich die
Wundöffnung innerhalb weniger Tage, bei den weiteren behandelten Tieren
wurde die Wunde daher bereits unmittelbar nach der Füllung durch Naht
verschlossen. Nach dem Abklingen der Schwellung, was einige Tage in
Anspruch nimmt, ist das Polymer als harter Klumpen im Gewebe deutlich zu
ertasten, der Tierbesitzer sollte darauf hingewiesen werden. |
| |
| Zunächst
wurde vermutet, dass die gesamte Abszesshöhle mit dem Polymer aufgefüllt
werden müsse, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen. Nach den ersten
Behandlungsversuchen stellte sich aber heraus, dass auch bei größeren
Abszesshöhlen eine Füllung mit maximal 2 Einheiten völlig ausreichend
ist. Größere Mengen des Polymers werden nach Ablauf einiger Wochen im
Verlauf der Wundheilung vom Organismus nach außen abgestoßen. |
| |
|
Die
Heilungserfolge sind im Vergleich zu früheren Therapieformen sehr gut.
Nur bei einem Tier trat nach Ablauf von ca. 6 Wochen ein neuer
Kieferabszess, allerdings an anderer Stelle auf.
Bei
allen anderen Tieren heilten die Abszesse im Zuge der Auflösung des
Polymers innerhalb von 4 – 6 Wochen vollständig ab.
Rezidive traten bisher nicht auf. Auf Grund des guten Erfolges
habe ich bei weiteren 5 Tieren mit kleinen bis mittelgroßen Abszesshöhlen
auf die zusätzliche systemische Antibiotikagabe verzichtet. Auch bei
diesen Tieren verlief der Heilungsprozess unverändert gut; Rezidive
traten auch hier innerhalb der ersten 3 Monate nicht auf.
|
| |
|
Schlussfolgerung
Für
die positiven Ergebnisse scheinen mehrere Faktoren verantwortlich zu
sein.
Größter
Vorteil ist sicherlich die lokale und dauerhafte Instillation eines
Antibiotikums in die Abszesshöhle, das dann über einen Zeitraum von
etwa 4 – 6 Wochen kontinuierlich abgegeben wird.
|
| |
| Neben
den möglichen gastrointestinalen Nebenwirkungen gelangen systemisch
verabreichte Antibiotika häufig nicht in ausreichender Konzentration in
die Abszesshöhle hinein, was vermutlich
auch ein Grund für die häufige
Resistenzbildung des Eitererregers ist. Ein weiterer Faktor ist
die Reduzierung des nach der Entleerung des Abszesses entstandenen
Hohlraumes durch das Polymer. Da auch der Zugang zur Maulhöhle auf
diese Weise verschlossen wird, läßt sich eine erneute Verunreinigung
der Abszesshöhle durch Nahrungsbrei vermeiden. |
| |
| Zusammenfassend
lässt sich sagen, dass sich durch die Füllung mit einem
Doxiccyclinhaltigen-Polymer ein sehr erfolgversprechendes Verfahren zur
Behandlung von
Kieferabszessen bei Nagetieren und Kaninchen abzeichnet. Die Vorteile
liegen in der einmaligen Behandlung und somit in der Reduzierung der
Narkosebelastung für das Tier auf das absolut nötige Maß. |
| |
| Ferner
ist auch der Tierbesitzer eher bereit, eine Abszesstherapie durchführen
zu lassen, wenn nicht ein täglicher Besuch in der Praxis notwendig ist
und eine Aussicht auf länger andauernde Heilung des Abszesses gegeben
ist. |
| |
| Auch
die Möglichkeit des unmittelbaren Wundverschlusses wird vom
Tierbesitzer positiv aufgenommen, da einerseits ein ästhetisch
befriedigendes Ergebnis erzielt wird andererseits auch keine weiteren Maßnahmen
(z.B. Haltung auf Tüchern ohne Einstreu) notwendig sind. Nachteil ist
sicherlich der recht hohe Preis des Produktes, der sich aber relativiert
wenn man berücksichtigt, dass Nachbehandlungen im Gegensatz zu den
anderen Therapieverfahren in der Regel notwendig sind. |
|