Kieferabszess

Kieferabszess

Aus MFIÖ Nachrichten 3/2004, Autor: TA Guido Schweigart, Erfahrungsbericht von Gaby Gotschke

Neue Möglichkeiten der Abszesstherapie bei Nagetieren und Kaninchen

Von TA Guido Schweigart, Deutschland, aus VET-impulse - 12.Jahrgang. Ausgabe 10 - 15. Mai 2003, zur Verfügung gestellt von Guido Schweigart

Kieferabszesse sind ein häufiger Vorstellungsgrund von Nagetieren und Kaninchen in der tierärztlichen Praxis. Leider ist die Therapie dieser Erkrankung bislang in vielen Fällen recht aufwändig und wenig erfolgreich. Durch einige neue Therapiemöglichkeiten ist allerdings in den letzten Jahren die Erfolgsquote deutlich angestiegen.

Abszesse im Kieferbereich entstehen meistens als Komplikationen von Zahnfehlstellungen, insbesondere der Backenzähne. Kaninchen und Meerschweinchen sind am häufigsten von dieser Erkrankung betroffen, während Chinchillas eher selten zu eitrigen Entzündungen neigen.

Pathogenese

Durch eine Fehlstellung der Zähne die aus verschiedenen Gründen auftreten kann (Verletzungen, falsche Ernährung, genetische Defekte etc.) und der damit verbundenen unphysiologischen Kaubewegung lockern sich die Zähne im Kieferknochen. Kleine Hohlräume entstehen, die bereits in diesem Stadium besonders im Unterkieferbereich gut röntgenologisch nachweisbar sind. Entlang des gelockerten Zahnes dringen Keime und Nahrungsbrei in die entstandene Hohlräume ein; eine Entzündung entsteht. Im Verlauf dieser Entzündung kommt es zur weiteren Lockerung des Zahnes. Der Kieferknochen degeneriert; Exostosen bilden sich und eine massive Eiterproduktion setzt ein.

Die Therapie eines solchen von Zahn und Kieferknochen ausgehenden Abszesses ist nicht zuletzt auf Grund der massiven Veränderungen, mit denen die Tiere oftmals erst in der Praxis vorgestellt werden, schwierig. Weiterhin kommt erschwerend hinzu, dass meist nicht nur ein einzelner Zahn, sondern nahezu der gesamte Kieferast von der Entzündung betroffen ist.

Fällt der Zahn im Zuge der Abszessbildung aus oder wird er extrahiert, bleibt in vielen Fällen ein schlecht heilendes Loch zurück. Durch diesen Kanal dringt weiterhin Futterbrei in die Abszesshöhle ein, so dass die Entzündung fortschreitet.

Herkömmliche Therapie

Die Therapie von Kieferabszessen bei Nagetieren und Kaninchen besteht bislang hauptsächlich darin, die Abszesshöhle möglichst vollständig zu entleeren, mit antiseptischen Lösungen zu spülen und täglich antibiotikahaltige oder antiseptische Salben einzubringen. Bzw. antiseptische Tamponade einzulegen. Ferner wird ein Antibiotikum systemisch verabreicht, wobei sich beim Kaninchen insbesondere das Clindamiycin (2x tgl. 7,5mg/kg) bewährt hat. Da dieser Wirkstoff aber bei Meerschweinchen und Chinchillas auf Grund der empfindlichen Darmflora und den somit resultierenden schweren gastrointestinalen Nebenwirkungen nicht eingesetzt werden kann, sind die Ergebnisse der Therapie bei diesen Tierarten vielfach noch unbefriedigender als beim Kaninchen.

Eine Abszesstherapie muss sich in der Regel über mehrere Wochen erstrecken, die Rezidivneigung ist auch nach einmal erfolgter Abheilung durch erneutes Eindringen von Keimen aus der Maulhöhle groß.

Da Kieferabszesse meist eine beträchtliche Größe erreicht haben, bis das Tier in der Praxis vorgestellt wird, kommt eine vollständige chirurgische Entfernung nur in den seltensten Fällen in Frage. Auch die geringen Größenverhältnisse am Nager-Schädel verbieten die radikale chirurgische Exzision ebenso wie die erheblichen Verluste an Knochensubstanz. Wünschenswert wäre auch der Verschluss der Abszessöffnung in der Maulhöhle, um ein weiteres Eindringen von Keimen und Futterbrei zu verhindern. Leider scheitert dies meistens daran, dass nicht genügend Gewebe für eine Naht zur Verfügung steht.

Eine vor einigen Jahren mit besserem Erfolg eingeführte Therapieform ist die Füllung der gereinigten Abszesshöhle mit Calciumhydroxidpaste. Ein Vorteil dieses Verfahrens gegenüber der herkömmlichen Therapie ist die nur einmalige Instillation des Medikamentes am narkotisierten Tier, während die tägliche Spülung und Füllung der Abszesshöhle mit Salben am nicht sedierten Tier immer mit Schmerzen und Stress verbunden ist.

Die Nachteile bestehen darin, dass in einigen Fällen eine Reizung des umliegenden Gewebes auftreten kann und dass ein weiterer Eingriff zur Entfernung des eingebrachten Materials nach ca. einer Woche notwendig ist. Nach der Entfernung bleibt eine große offene Wundhöhle zurück, die von vielen Tierbesitzern schlecht akzeptiert wird. Gleiches gilt natürlich auch für die tägliche Spülung des offenen Abszesses bei der herkömmlichen Therapie.

Eigene Erfahrungen

Eine neue Therapiemöglichkeit, welche die Vorteile beider Verfahren vereinigt, habe ich in den letzten Monaten in meiner Praxis an ca. 20 Meerschweinchen und Kaninchen mit sehr gutem Erfolg entwickelt. Hierbei wir die Abszesshöhle zunächst wie üblich eröffnet und gründlich entleert. Durch mehrmaliges Spülen mit physiologischer Kochsalzlösung werden die Reste des meist zähen Eiters entfernt. Anschließend wird die Abszesshöhle je nach Größe mit einem Polymer (1 bis 2 Einheiten Doxirobe*) gefüllt und manuell komprimiert, um das Mittel in alle Taschen der Abszesshöhle zu bringen. Bei diesem Präparat handelt es sich um ein doxicyclinhaltiges Material , das ursprünglich zur Füllung von Periodontaltaschen bei Hunden und Katzen entwickelt wurde. Bei Kontakt mit Wasser härtet es aus und nimmt eine holzartige Konsistenz an. Das eingebrachte Medikament wird im Verlauf von ca. 6 Wochen vollständig vom Organismus abgebaut und gibt während dieser zeit Doxicyclin ab. Vor der Anwendung wird das Präparat nach Vorschrift gemischt. Das das Polymer manche Kunststoffe angreift, sollte bei Verwendung entsprechender Tischoberflächen bzw. –auflagen bei der Behandlung eine Folie oder Papier als Unterlage benutzt werden.

Bei den ersten mit diesem Präparat behandelten Patienten wurde die Abszesshöhle nach dem Einfüllen des Polymer offen gelassen und zusätzlich eine systemische antibiotische Therapie durchgeführt. Da im Therapieverlauf nur sehr geringe Mengen eines blutig- serösen Sekretes austraten, verschloss sich die Wundöffnung innerhalb weniger Tage, bei den weiteren behandelten Tieren wurde die Wunde daher bereits unmittelbar nach der Füllung durch Naht verschlossen. Nach dem Abklingen der Schwellung, was einige Tage in Anspruch nimmt, ist das Polymer als harter Klumpen im Gewebe deutlich zu ertasten, der Tierbesitzer sollte darauf hingewiesen werden.

Zunächst wurde vermutet, dass die gesamte Abszesshöhle mit dem Polymer aufgefüllt werden müsse, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen. Nach den ersten Behandlungs- Versuchen stellte sich aber heraus, dass auch bei größeren Abszesshöhlen eine Füllung mit maximal 2 Einheiten völlig ausreichend ist. Größere Mengen des Polymers werden nach Ablauf einiger Wochen im Verlauf der Wundheilung vom Organismus nach außen abgestoßen.

Die Heilungserfolge sind im Vergleich zu früheren Therapieformen sehr gut. Nur bei einem Tier trat nach Ablauf von ca. 6 Wochen ein neuer Kieferabszess, allerdings an anderer Stelle auf.

Bei allen anderen Tieren heilten die Abszesse im Zuge der Auflösung des Polymers innerhalb von 4 – 6 Wochen vollständig ab. Rezidive traten bisher nicht auf. Auf Grund des guten Erfolges habe ich bei weiteren 5 Tieren mit kleinen bis mittelgroßen Abszesshöhlen auf die zusätzliche systemische Antibiotikagabe verzichtet. Auch bei diesen Tieren verlief der Heilungsprozess unverändert gut; Rezidive traten auch hier innerhalb der ersten 3 Monate nicht auf.

Schlussfolgerung

Für die positiven Ergebnisse scheinen mehrere Faktoren verantwortlich zu sein. Größter Vorteil ist sicherlich die lokale und dauerhafte Instillation eines Antibiotikums in die Abszesshöhle, das dann über einen Zeitraum von etwa 4-6 Wochen kontinuierlich abgegeben wird. Neben den möglichen gastrointestinalen Nebenwirkungen gelangen systemisch verabreichte Antibiotika häufig nicht in ausreichender Konzentration in die Abszesshöhle hinein, was vermutlich auch ein Grund für die häufige Resistenzbildung des Eitererregers ist. Ein weiterer Faktor ist die Reduzierung des nach der Entleerung des Abszesses entstandenen Hohlraumes durch das Polymer. Da auch der Zugang zur Maulhöhle auf diese Weise verschlossen wird, läßt sich eine erneute Verunreinigung der Abszesshöhle durch Nahrungsbrei vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich durch die Füllung mit einem doxicyclinhaltigen- Polymer ein sehr erfolgversprechendes Verfahren zur Behandlung von Kieferabszessen bei Nagetieren und Kaninchen abzeichnet. Die Vorteile liegen in der einmaligen Behandlung und somit in der Reduzierung der Narkosebelastung für das Tier auf das absolut nötige Maß. Ferner ist auch der Tierbesitzer eher bereit, eine Abszesstherapie durchführen zu lassen, wenn nicht ein täglicher Besuch in der Praxis notwendig ist und eine Aussicht auf länger andauernde Heilung des Abszesses gegeben ist.

Auch die Möglichkeit des unmittelbaren Wundverschlusses wird vom Tierbesitzer positiv aufgenommen, da einerseits ein ästhetisch befriedigendes Ergebnis erzielt wird andererseits auch keine weiteren Maßnahmen (z.B. Haltung auf Tüchern ohne Einstreu) notwendig sind. Nachteil ist sicherlich der recht hohe Preis des Produktes, der sich aber relativiert wenn man berücksichtigt, dass Nachbehandlungen im Gegensatz zu den anderen Therapieverfahren in der Regel notwendig sind.

Meine Erfahrungswerte

Von Gaby Gotschke

Wenn Ihr die Geschichte von Jessy gelesen habt, dann wisst Ihr bereits, dass ich bei ihr diese Methode durchführen ließ. Abgesehen von der Problematik bei der Narkose (diese war aber auf ihren geschwächten Zustand zurückzuführen) verlief die Abheilung fast planmäßig.

Jessy hat allerdings eine minimal kleine Öffnung zurückbehalten unter der man einen winzigen, vielleicht Stecknadelkopfgroßen Knubbel spürt. Aus dieser Öffnung kommt hin und wieder Sekret. Ich bin jetzt am Überlegen, ob ich vorerst eine homöopathische Behandlung versuchen soll, oder ob eine 2. Öffnung notwendig ist.

Jessy fühlt sich pudelwohl, zeigt nicht im Entferntesten irgendwelche Anzeichen, dass sie Schmerzen im Kieferbereich hätte und frisst, was in ihr kleines Bäuchlein passt. Zur Sicherstellung, dass das im Polymer enthaltene Antibiotikum keinen Schaden anrichtet, hat Jessy von mir täglich 2 zerriebene und mit Critical Care vermischte Pemmerl von gesunden Artgenossen bekommen. Als Alternative dazu könnte man auch das in Österreich erhältliche Fidus Joghurt verwenden, ca. 0.5-1 ml pro Tag. Das bereits bei vielen Tierärzten erhältliche Bene Bac Pulver ist dem Joghurt dem Vorzug zu geben

.

Bei all diesen positiven Meldungen muß es ja auch eine Negative geben, Doxirobe wurde 2004 vom Markt genommen. Ich habe dann unter erheblichen Einsatz von Zeit ein Ersatzmittel gefunden, welches den Namen ATRIDOX trägt. Diese Mittel kommt aus der Humanmedizin und wird für die Behandlung von Zahntaschen beim Menschen(so wie Doxirobe für Zahntaschen bei Hund und Katze) verwendet.

Die Inhaltsstoffe sind die selben, der Preis dieses Mittels lässt einem aber im ersten Moment den Atem stocken, ein Set kostet Euro 72,00. (Preis 2004). Rechnet man allerdings zusammen, was die ganzen Einzelbesuche beim Tierarzt kosten, hat sich diese Ausgabe relativ schnell wieder amortisiert. Die Abgabe dieses Mittels erfolgt normalerweise nur an Zahnärzte und Apotheken gegen Rezept, ich konnte aber mit dem Generalimporteur eine Vereinbarung treffen, dass das Mittel auch direkt an Tierärzte abgegeben wird.

Bezugsquelle:
Willvonseder & Marchesani
Erzeugung und Handel chemischer und pharmazeutischer Artikel GmbH&Co KG
Heinrich von Buol Gasse 18
A-1210 Wien
Tel.:01/259 41 11 0
Fax: 01/259 41 11 29
http://www.willmar.at

Das Mittel ist kurzfristig lieferbar, ist Kühlware und wird daher nach der Auslieferung nicht mehr zurückgenommen, da nicht sichergestellt ist, daß die Kühlkette nicht unterbrochen ist.

Schwierig ist in diesem Zusammenhang, dass sich viele Tierärzte nicht trauen werden, dieses Mittel anzuwenden, da es für Meerschweinchen nicht zugelassen ist und bei eventuell auftretenden Behandlungsproblemen der Tierarzt dafür haftbar gemacht werden kann. Es liegt an Euch, Eurem Tierarzt des Vertrauens diese Angst zu nehmen und auch ev. Bei Bedarf eine Erklärung zu unterschreiben, dass Ihr darüber informiert seid, dass für dieses Produkt keine Zulassung für Meerschweinchen vorliegt.

Bemerkung 2007:
Die Erfolge bei den Tieren sind unterschiedlich, teilweise sehr gute Erfolge mit kompletter Abheilung, teilweise Rezidiv nach ein paar Monaten. Eine 100 %ige Garantie gibt es auch bei der Anwendung diese Mittels nicht.

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23.11.2013

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