Meerschweinchenlähme

Meerschweinchenlähme

Die Meerschweinchenlähme ist eine mit Gehirn- und Rückenmarksentzündung einhergehende Infektionskrankheit. Als Erreger dieser sporadisch auftretenden Erkrankung wurde lange Zeit ein Retrovirus mit neurotropem Charakter angenommen, nach neuesten Untersuchungen soll es sich analog zur Kinderlähmung des Menschen um ein Poliovirus handeln (Göbel 2001). Der Erreger wird durch Tröpfcheninfektion, Ausscheidungen, sowie direkten Kontakt zwischen den Tieren übertragen. Auch der Mensch kann über Hände oder Kleidung den Erreger verbreiten. Es wird auch eine Übertragung bereits im Mutterleib (diaplazentar) und durch orale Aufnahme des Erregers angenommen. Die Inkubationszeit beträgt 9 bis 23 Tage.

Chraebeli

Bei oraler Aufnahme kann eine Vermeh- rung des Erregers auch durch Verletzungen in der Mundschleimhaut erfolgen, die eine ideale Eintrittspforte darstellen (Schweigart 1999). Dort vermehrt sich das Virus, so dass die Tiere das Futter nicht mehr richtig kauen und abschlucken können (Schlucklähme). Jedes "sabbern" eines Meerschwein- chens ohne Zahnsymptomatik ist lähmeverdächtig!

Die "klassische" Lähme tritt dann auf, wenn die Erreger sich in Gehirn und Rückenmark festsetzen. Durch Schädigung der Nerven kommt es zu einer Störung der Reizleitung, die sich in schmerzhaftem Laufen bis hin zur vollständigen Paralyse der Hintergliedmaßen äußern kann. Die Lähmungen greifen später auch auf den Mastdarm und die Blase über.

Erste Symptome sind Futterverweigerung, leicht erhöhte Körpertemperatur und Unwohlsein. Auffällig sind die anfangs kauernde Stellung, Atembeschwerden, Zittern und im weiteren Verlauf krampfartige Zuckungen der Rücken-, Hals- und Schultermuskulatur. Der Tod tritt oft erst nach 3-4 Wochen ein, bei akutem Verlauf nach 2-10 Tagen. Als exakte Diagnose kann leider nur der Erregernachweis in Gehirn und Rückenmark bei obduzierten Tieren dienen.

Differentialdiagnosen:

Wegen der charakteristischen Symptomatik und dem hohen Bekanntheitsgrad wird bei Lähmungserscheinungen der Meerschweinchen schnell der Verdacht auf Lähme ausgesprochen. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Erkrankungen, welche die gleiche oder ähnliche klinische Symptomatik aufweisen können. Aus diesem Grund ist die Differentialdiagnose von großer Bedeutung, weil ein lähmekrankes Meerschweinchen aus tierschützerischen Gründen eingeschläfert werden sollte.

Traumen und Frakturen

Die nach eigener Einschätzung und Erfahrung häufigste Ursache für Lähmungen der Hinterhand bei Meerschweinchen sind Traumen. Das wird durch den relativ großen Zwischenraum zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem Kreuzbein (L6/S1) begünstigt. Folge können Prellungen, Quetschungen oder Verstauchungen im Bereich des Rückenmarks schon bei kleineren Unfällen sein. Von den Besitzern werden Stürze, Sprünge, Laufen gegen Mobiliar oder gar keine erkennbaren Ursachen berichtet. Die Erkrankung tritt abrupt auf, die Schweinchen ziehen die Hinterbeine plötzlich hinter sich her. Dieser Zustand kann reversibel sein, erfordert aber vom Besitzer häufig sehr viel Geduld. Eine vollständige Heilung kann 8-10 Wochen in Anspruch nehmen.

Gleiches gilt für Brüche, die vor Allem nach Stürzen auftreten. Frakturen sind im Röntgenbild leicht erkennbar.

Enzephalitozoonose

Der weltweit bei Kaninchen verbreitete Einzeller Encephalitozoon cuniculi kann auch bei Meerschweinchen, die zu Kaninchen Kontakt haben, Lähmungen der Nachhand verursachen. Diagnostik im Labor mittels Immunotuschetest in Blutserum oder Urin.

Osteodystrophie

Osteodystrophie und andere Stoffwechselstörungen des Knochens wie z.B. Kalzium- Mangel, metastatische Verkalkung oder Osteomyelitis entstehen langsam und lassen sich durch eine Blut- und Röntgenuntersuchung deutlich differenzieren.

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Bild rechts: Osteodystrophie beim Meerschweinchen. Der linke Femurkopf ist völlig "entkalzifiziert" und durch Fasergewebe ersetzt, der rechte deutlich "angenagt". Das Tier stand kurz vor der Geburt, zwei Früchte sind gut zu erkennen, die Beckensymphyse ist weit geöffnet.

Vitmamin C-Mangel

Vitamin C-Mangel kann bei Meerschweinchen zu Blutergüssen und Arthrosen der Kniegelenke und zu der gleichen Symptomatik wie bei der Lähme führen. Eine ungenügende Vitamin C- Versorgung ist bei allen chronisch kranken und schlecht ernährten Tieren zu erwarten.

Lymphozytäre Choriomeningitis

Die Infektion wird durch ein Arenavirus verursacht, dessen Hauptreservoir wildlebende Mäuse sind. Der Erreger wird von den Mäusen über Harn, Kot und Speichel ausgeschieden. Infektionsempfänglich ist außer den Meerschweinchen vor allem der Mensch, der mit grippeähnlichen Symptomen bis hin zu schweren zentralnervösen Störungen bedingt durch Meningitis und Enzephalitis reagieren kann. Die LCM kann im Labor mittels Komplement- Bindungsreaktion (KBR) nachgewiesen werden.

Tumore

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Tumore des Rückenmarks oder der Wirbelkörper, welche die Nervenstränge komprimieren und die Reizleitung beeinträchtigen und ähnliche Krankheitserscheinungen wie die Meerscheinchen-Lähme hervorrufen, werden sehr selten diagnostiziert. Die Prognose ist aussichtslos.

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Meerschweinchenpest

Über eine Krankheit namens "Meerschweinchenpest" gibt es in der Literatur keine eindeutigen Angaben. Sie wird meist in Zusammenhang mit der Lähme genannt. Es soll sich dabei um eine virale oder bakterielle Erkrankung handeln, die extrem ansteckend und absolut tödlich ist. Wahrscheinlich ist, dass der Begriff "Meerschweinchenpest" ähnlich wie die "Hasen-" oder "Nagerpest" als ältere Bezeichnung der Tularämie (Francisella tularensis) angesehen werden kann. Verbreitungsgebiet ist aber eher Nordeuropa, da als Hauptreservoir der Erreger Lemminge gelten. Meerschweinchen wurden als Modelltiere bei Übertragungsversuchen infiziert, weil sich der Erreger im Labor sehr gut auf sie übertragen ließ. Die Tularämie ist keine Erkrankung, die heute eine klinische Bedeutung bei Meerschweinchen hätte (Fehr 2003).

Quellen:

Cooper, G./Schiller A. L.: Anatomy of the Guinea Pig; Harvard University Press 1975
Ewringmann, A.: Vortrag über Osteodystrophie, Frankfurt 2001
Fehr, M.: persönliche Mitteilung (2003)
Göbel, Th.: persönliche Mitteilung (2000)
Gabrisch K./Zwart P.: Krankheiten der Heimtiere, 5. Auflage; Schlütersche Verlagsanstalt, Hannover, 2001
Hamel, I.: Das Meerschweinchen als Patient; Enke Verlag, Stuttgart 2002
Schweigart, G.: persönliche Mitteilung (1999)

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23.11.2013

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